Boston Marathon 2016
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Autor und Copyright: Herbert Steffny
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Äthiopischer Tag beim Boston Marathon
Favoritenstürze, langsame Zeiten und Riesenstimmung!

(18.4.2016)

Boston Marathon

Hayle Lemi Berhanu
Am äthiopischen Tag in Boston feierte Hayle Lemi Berhanu seinen bisher größten Erfolg.



Fate Tola
Die für LG Braunschweig und bisher für Äthiopien startende Fate Tola wurde Achte. Sie könnte bald Startrecht für Deutschland bekommen.
(Foto Copyright: Herbert Steffny)

Zur 120. Auflage des ältesten und in den USA bedeutendsten Rennens (jawohl, vor New York!) war der Wettergott zum Patriot's Day gnädig. 8 Grad und sonnig am Start und später bis zu 17 Grad bei nur leichtem Wind machten den 30.805 Startern, darunter 187 Deutsche, keine allzu großen Probleme. Nur auf der Zielgeraden blies es den Finishern ins Gesicht. Die unterwegs immer begeisterten und fachkundigen Zuschauer trieb es dafür in Massen und lautstark an die Strecke. In den USA ist die Teilnahme beim Boston Marathon für Hobbyläufer sozusagen so etwas wie Olympischen Spiele, für die man sich qualifizieren muss. Der Frauenanteil ist mit 46 Prozent doppelt so hoch wie bei uns. Der traditionsreiche wellige, aber insgesamt bergab führende Punkt zu-Punkt-Kurs ist durch seine 122 Meter Gefälle, statt maximal erlaubten 42 Metern, nicht Bestenlisten-fähig. Die Streckenrekorde sind bei entsprechenden Windverhältnissen schnell, aber inoffiziell. 2014 lief die mittlerweile des Dopings überführte Kenianerin Rita Jeptoo 2:18:57 Stunden und 2011 ihr Landsmann Geoffrey Mutai 2:03:02 Stunden. Allerdings muss man sich auf dem ersten überwiegend bergab führenden Streckenteil zurückhalten, um nach 25 Kilometern gut über die berühmt-berüchtigten Anstiege in Newton Hills und den Heartbreak Hill rüber zu kommen. Die Frauen starteten in Hopkinton um 9.32 Uhr, eine halbe Stunden vor den Männern. Dann folgen in mehreren Startwellen leistungsgestaffelt die Freizeitläufer. Natürlich USA-üblich alles mit viel Pathos und Nationalhymne. 200 Millionen Dollar werden dabei durch Charity Aktionen erwirtschaftet. Für die Elite ging es auch um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio und um 150.000 Dollar für Sieg (2. Platz 75.000, Dritter 40.000, Vierter 25.000 und Fünfter 15.000 usw.)



Frauenrennen mit sehr verhaltenem Beginn

Zu den Favoritinnen gehörten Olympiasiegerin 2012 Tiki Gelana, die allerdings durch private Schicksalsschläge, Tod der Mutter, nicht ganz in Form war, die Berlin Siegerin Tirfi Tsegaye, Titelverteidigerin Caroline Rotich und die zweifache New York Marathon Siegerin Jelena Prokopchuka aus Litauen. Die erste bergab führende Passage bummelten die rund 50 Eliteathletinnen zum Warmlaufen recht gemütlich hinunter. Nach 1.000 Metern zeigte die Stopuhr nur 3:42 Minuten. Erst nach zwei Kilometern übernahm Joyce Chepkirui mit Mamitu Daska und im Gefolge Buzunesh Deba die Initiative. Schon früh deutete sich ein taktisches Rennen mit schnellem Ende an. Bei Kilometer fünf in 18:22 Minuten bummelte frau nur in Richtung 2:34 Stunden. Mitfavoritin Caroline Rotich stieg bei acht Kilometern bereits aus. 16 Läuferinnen passierten 10 Kilometer in 36:20 Minuten, was kaum schneller war. Darunter auch die Äthiopierin Fate Tola, die für LG Braunschweig startet und eventuell bald einen deutschen Pass bekommt. Jelena Prokopchuka konnte wegen eines Schuhverlustes bald nicht mehr mithalten und nun war es um die weißen Läuferinnen in der Spitzengruppe geschehen. Bei 15 Kilometern zeigte die Uhr 53:59 Minuten, das Tempo beschleunigte sich ein wenig auf 2:31 Stunden.


Vierkampf, Dreikampf, Zweikampf... 

Bei 17 Kilometern machte die 23-jährige Valentine Kipketer aus Kenia einen ersten Test, was das Tempo ein wenig forcierte. Nun kam etwas Bewegung ins Feld. Halbmarathon wurde von einer 10-köpfigen Gruppe hinter dem ohrenbetäubenden Geschrei des Mädchen Colleges in Wellesley in 1:15:33 Stunden passiert. Valentine Kipketer drückte weiter auf die Tube. Im Städtchen Newton Hills fiel die bisher äthiopisch dominierte Gruppe auseinander und bei 25 Kilometern (1:29:12 Stunden) war nur noch ein Quartett mit Valentine Kipketer, Tirfi Tsegaye, Joyce Chepchirchir und Fiomena Cheyech, also drei Kenianerinnen und eine Äthiopierin übrig. Bei 30 Kilometern  (1:46:32 Stunden) fiel Fiomena Cheyech Daniel als nächste zurück. Nun waren die Damen bereits auf einem 2:29er Tempo. Als nächste bekam Kipketer am 500 Meter langen Heartbreak Hill Probleme. Tirfi Tsegay und Joyce Chepkirui, Siegerin des Honolulu Marathons 2015 aus Iten im Hochland von Kenia setzten sich leicht ab.


...und Überraschungssiegerin

Doch Kipketer konnte nach dem Anstieg den Anschluss wieder herstellen und ganz keck gleich wieder die Führung übernehmen. Zwei Kilometer später fiel Kipketer allerdings erneut zurück. Diesmal war es um sie geschehen. 35 Kilometer in 2:04:29 Stunden, nur 2:30er Tempo, was für diese Läuferinnen noch nicht alles sein konnte. Sechs Kilometer vor dem Ziel gab es nun einen Zweikampf, wobei Tirfi Tsegaye vorzeitig versuchte die Entscheidung herbei zu führen. Sie schaute sich immer wieder um, wobei von hinten scheinbar nicht wirklich Gefahr drohte. Aber nicht zu Unrecht wie sich zeigen sollte, denn aus der Tiefe kam doch noch ein gelbes Trikot herangeflogen. Die Äthiopierin Atsede Baysa, die bei 30 Kilometern schon 37 Sekunden zurück gelegen hatte, pirschte sich wieder heran und Tsegaye beantwortete die Gefahr mit einer Tempoverschärfung, die die Kenianerin Chepkirui abschüttelte. Statt Kenia gegen Äthiopien plötzlich drei Kilometer vor dem Ziel ein Äthiopien-Duo. Baysa zog aber gleich durch und Favoritin Tsegaye konnte erstaunlicherweise nicht mithalten. Schnell hatte die Außenseiterin 15 Meter Vorsprung. Bei 40 Kilometern (2:21:49 Stunden) war der Vorsprung schon 40 Meter. Das Rennen schien eigentlich schon gelaufen, und dann kam Baysa und damit alles ganz anders!

Atsede Baysa
Siegerin Atsede Baysa düpierte das favorisierte Führungsduett mit einem späten Angriff


Die 29-jährige Baysa lief den Abschnitt von 35 auf 40 Kilometer in verdammt schnellen 16:43 Minuten. Erst in ihrem 27. Marathon lief sie ihrem größten Erfolg entgegen! Mit 2:29:19 Stunden blieb sie zwar weit von ihrer Bestzeit 2:22:03 Stunden entfernt, aber als einzige unter der 2:30 Stundengrenze, Tirfi Tsegaye wurde Zweite in 2:30:03 Stunden und Joyce Chepkirui rettete den dritten Platz auf dem Podium in 2:30:50 Stunden. Die Braunschweigerin Fate Tola lief in 2:34:38 auf den achten Platz. Ihre Bestzeit stammt aus dem Jahre 2012 als sie in Berlin als Fünfte 2:25:14 Stunden erzielte. Erstaunlich, dass die Zeiten in diesem Jahr so langsam waren. Am Wetter kann es nicht gelegen haben und wenn man bedenkt was für ein Potential die Favoritinnen haben, dann wundert es, wieso diese im Finale nicht mehr zulegen konnten. Atsede Baysa mag das nicht kümmern, Boston Sieg ist Boston Sieg, aber ob es für Rio reicht? Da kann Meselech Melkamu, die am Vortag in Hamburg in einer Weltklassezeit gewonnen hat mehr Hoffnung machen!



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Hayle Berhanu Lemi
Auf der Zielgeraden: Berhanu Lemi Hayle hatte die besseren Reserven und feiert in Boston einen Sieg über den Doppelsieger Lelisa Desisa.
Männerrennen - das große Warten auf den Angriff

Als Favoriten starteten u.a. aus Kenia der frühere Sieger Wesley Korir, Wilson Chebet und sein Trainingskollege Sammy Kitwara ein 2:04:28 Läufer und aus Äthiopien der Vorjahressieger und Sieger 2013 Lelisa Desisa (Bestzeit 2:04:45 Stunden) und Yemane Tsegay (Bestzeit 2:04:48 Stunden).  Doch zunächst machte der 2:13 Stunden Japaner Shingo Igarashi Furore, indem er nach drei Kilometern bereits rund 150 Meter vor dem geschlossenen Männerfeld rannte. Fünf Kilometer durchliefen auch die Männer moderat: 15:48 Minuten. Doch um den Flüchtling war es nach etwa sieben Kilometern erwartungsgemäß geschehen. Das Tempo zielte zu diesem Zeitpunkt nur auf 2:11 Stunden. 10 Kilometer in 31:23 Minuten wies auf kine Tempoverschärfung hin. Bei 12 Kilometern griffen die Aussenseiter Solonei Da Silva aus Brasilien und Paul Lonyangata aus Kenia an und rissen das Feld für kurze Zeit auseinander. Doch dann verschleppte das Rennen wieder. Halbmarathon wurde von 18 Läufern in moderaten 1:06:48 Stunden durchlaufen. Das große Abwarten vor der Explosion? Als Nächster machte Cutbert Nyasango aus Zimbabwe ein wenig Druck, doch auch diese Attacke wurde wieder neutralisiert.


Äthiopisches Finale mit Favoritensturz

Endlich machte einer der Stars einen ernsthaften Angriff. Lelisa Desisa ließ es bergab laufen, was schnell Spreu von Weizen trennte. Nur Lemi Birhanu Hayle ein 2:04:33 Stunden Läufer lief mit und das äthiopisches Duo setzte sich ab. Hayle übernahm im welligen Terrain in Newton Hills überwiegend die Führungsarbeit. 30 Kilometer durchliefen die beiden in 1:34:17 Stunden und waren etwas flotter, aber auch nur auf 2:12er Tempo. Ab hier sah Desisa mit Startnummer 1 ausgezeichnet stärker aus, machte die Führungsarbeit, forderte aber Hayle auf die Arbeit zu teilen. Das fiel diesem aber scheinbar schwer, war aber auch nicht abzuschütteln. Ähnlich wie bei den Frauen lief das Duo mit nicht allzu hohem Tempo weiter zusammen, nur das sich hier keine Gefahr von hinter auf beschwor. Die Entscheidung fiel bei Kilometer 40 an einer Wasserstation, wo Desisa sich versorgte, aber Hayle durchlief und die größeren Reserven zu haben schien. Mit einem kräftigen Antritt setzte er sich schlagartig von seinem bekannteren Landsmann ab. Dieser hatte darauf nichts mehr zu erwidern. Wie bei den Damen setzte sich der unbekanntere Äthiopier schon deutlich vor der Zielgeraden in der Boylston Street durch.



Dreifach-Sieg für Äthiopien

Im Ziel war der 21-Jährige erschöpft. In Dubai wurde er noch Zweiter in schnellen 2:04:33 Stunden hinter Tesfaye Abera, der gestern auch in Hamburg siegte, das gab ihm Zuversicht auch in Boston gewinnen zu können, so der Sieger hinterher im Interview. Die Zeit ist mit 2:12:45 Stunden indiskutabel. Auch der Zweite Lelisa Desisa bisher ein klarer Kandidat für die Olympischen Spiele konnte mit seinem Platz und Ergebnis (2:13:32 Stunden) überhaupt nicht zufrieden sein. Dritter wurde mit Tsegay Yemane in 2:14:02 Stunden ebenfalls ein Äthiopier vor dem ersten Kenianer Wesley Korir (2:14:05 Stunden). Schnellster Deutscher wurde der M40 Läufer Daniel Vasovic auf Gesamtrang 810 in netto 2:54:18 Stunden. Der Kurs in Boston ist eben verführerisch und tückisch. Er begann mit 1:22:59 Stunden wie die meisten viel zu flott. Bei den Damen vertrat Silvia Baage als 279. Platzierte bei den Frauen die deutschen Farben am flottesten. Sie benötigte 3:11:11 Stunden (netto).


Ergebnisse:
Männer:

1. Hayle, Lemi Berhanu (ETH) 02:12:45
2. Desisa, Lelisa (ETH) 02:13:32
3. Tsegay, Yemane Adhane (ETH) 02:14:02
4. Korir, Wesley (KEN) 02:14:05
5. Lonyangata, Paul (KEN) 02:15:45
6. Kitwara, Sammy (KEN) 02:16:43
7. Chebogut, Stephen (KEN) 02:16:52
8. Nageeye, Abdi (NED) 02:18:05
9. Feleke, Getu (ETH) 02:18:46
10. Hine, Zachary (USA) 02:21:37
11. Nyasango, Cutbert (ZIM) 02:22:02
12. Mekonnen, Tsegaye (ETH) 02:22:21
13. Burrell, Ian (USA) 02:22:22
14. Kiprop, Jackson (UGA) 02:24:44
15. Okuti, Harbert (UGA) 02:24:46
16. Da Silva, Solonei (BRA) 02:24:54
17. Wells, Clint (USA) 02:24:55
18. Kamijo, Norio (JPN) 02:25:31
19. Igarashi, Shingo (JPN) 02:26:24
20. Kipyego, Michael (KEN) 02:27:02


Frauen:

1. Baysa, Atsede (ETH) 02:29:19
2. Tsegaye, Tirfi (ETH) 02:30:03
3. Chepkirui, Joyce (KEN) 02:30:50
4. Prokopcuka, Jelena (LAT) 02:32:28
5. Kipketer, Valentine (KEN) 02:33:13
6. Daniel, Fiomena Cheyech (KEN) 02:33:40
7. Deba, Buzunesh (ETH) 02:33:56
8. Tola, Fate (ETH) 02:34:38
9. Spence Gracey, Neely (USA) 02:35:00
10. Daska, Mamitu (ETH) 02:37:31
11. Crouch, Sarah (USA) 02:37:36
12. Shimokado, Miharu (JPN) 02:39:21
13. Beriso, Amane (ETH) 02:39:38
14. Gelana, Tiki (ETH) 02:42:38
15. Bekele, Tadelech (ETH) 02:44:20



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